die unwahrscheinlichkeit des seins


das leben wird dann richtig spannend, wenn du die dinge nicht mehr wirklich planen kannst, wenn du die abzweigung nimmst, die links aus dem alltag wegbiegt und auf eine neue spur führt. und dabei ist es wahrscheinlich nicht einmal wirklich so entscheidend, welche abzweigung du nimmst und wohin der weg genau läuft, ob es die swiss air ist, die dich via zürich nach indien einschleust, oder ob du mit hilfe von tui und hapag lloyd nach spanien ausscherst. wobei es sicher einige nicht ganz unwesentliche unterschiede zwischen dem ankommen in mumbai und dem ankommen in mallorca gibt, obwohl die beiden orte sich immerhin vom klang her ähneln. aber das war es dann wohl auch schon. sollte man meinen. dachtest du jedenfalls.

 

und klar kann es nur zufall sein, aber vielleicht ist es auch einfach nur die unwahrscheinlichkeit des seins, die dich hier wie dort mit dem gleichen satz begrüsst. in mumbai mit einem rat von einem freund, der dich per email am ersten tag deiner reise erreicht: "entspann dich und sehe das ganze ganz einfach als eine art von traum." - und dann auf mallorca das echo dieses gedankens im ersten kapitel von jack kerouacs lonesome traveleller: "das glück kommt aus dem wissen, daß alles ein großer seltsamer traum ist."

alles ein großer seltsamer traum, die ganze welt.

und du mitten drin, hier wie dort, immer wieder von neuem überrascht über dinge, die du irgendwie anders erwartet hast, ohne das du dieses "anders" so genau definieren könntest.

 


und hier wie dort fühlt sich deine ankunft surreal an, ob du nun kurz nach mitternacht im land der maharajas einreist und am ausgang des terminals von zweihundert tabak kauenden und turban tragenden taxifahrern empfangen wirst, die alle gleichzeitig auf dich einreden, oder ob du in einem blau-rot lackierten flieger kurz nach sonnenaufgang an einem ort abgesetzt wirst, an dem blau-rot gekleidete reiseleiter auf dich warten um dich zu blau-rot lackierten bussen zu bugsieren

und hier wie dort halten deine augen ausschau nach den schildern am straßenrand, die dir eine orientierung geben könnten, die dir verraten könnten in welche richtung du gerade unterwegs bist und wie weit es noch bis zu dem ort ist, an dem du anzukommen geplant hast.

 
 


und hier wie dort wartet irgendwo ein bett auf dich, das härter oder weicher, länger oder kürzer ist als das daheim, an das sich dein körper erst gewöhnen muss, genau so wie an den duschkopf, der etwas niedriger oder etwas höher hängt, aus dem das wasser kälter oder wärmer kommt, und irgendwo lernst du, dass es manchmal auch nur kalt kommt, und dass du auch mit diesem anders leben kannst.

und hier wie dort warest du auf die erste welle meer, die über die sichtkante schwappt, die dir zwischen zwei häuserreihen zuwinkt, die am horizont kurz aufleuchtet, und es dauert immer einen moment, bevor du es wirklich glaubst, bevor das blau vor deinen augen zu dem ozean zerfließt, der dich an all die anderen ozeane erinnert, die du schon gesehen hast, irgendwo aus dem fenster eines zuges, eines autos, eines busses, eines fliegers.

 


und vielleicht ist es ja sogar die gleiche welle, die du dort am horizont siehst, vielleicht ist sie den ganzen weg von mumbai nach mallorca gerollt, und ist ungefähr so überrascht wie du, dich hier wieder zu treffen, wer weiß das schon, und natürlich ist auch das alles andere als wahrscheinlich, aber wenn du zwei dinge bei deinen reisen lernst, dann zum einen, dass das leben oft allem möglichen gleicht, aber nur selten dem durchschnitt, der sich in den statistiken findet. und zum anderen, dass alles dennoch irgendwo einen gemeinsamen nenner hat, auch wenn man den nicht wirklich benennen kann. jedenfalls nicht mit zahlen. eher schon mit zitaten, besonders mit denen kerouac, so wie diesem auch:

"es ging alles, irrsinnig, zurück auf andere, weiter zurückliegende ereignisse
in diesem knirschenden gewaltigen film von der erde
den ich hier nur in einem kleinen auszug vorführe,
wenn er auch lang ist, wie wild kann die welt sein bis einem endlich klar wird:
ach was, es ist doch immer wieder dasselbe.
auf der straße ist wieder alles vollkommen,
die ganze welt ist ständig mit rosen des glücks durchdrungen,
doch keiner von uns weiß das."

 


strassen, ja strassen, sie haben etwas magisches an sich, vor allem die strassen, die am meer entlang führen. und an diesen strassen, hier wie dort, in mallorca wie in mumbai, gibt es diese orte, an denen man die magie fast greifen kann, und diese orte sehen sich in gewisser weise fast zum verwechseln ähnlich. und irgendwie würde es dich nicht einmal mehr wundern, wenn es einen bus gäbe, die hier wie dort halten würde, irgendwann, außerhalb der angegebenen fahrpläne. und wahrscheinlich würde das nicht einmal jemand bemerken, und wenn doch, würde man die geschichte ohnehin ins land der träume abschieben.

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